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Mercedes CLS 350 und CLS 500 im Test + Interview

Das war gemein: angeguckt habe ich mir den CLS schon auf der Paris Motor Show. Aber „nur sehen“ ist ja nicht „fahren“, das ist wie sich die Nase am Bäckerladen von außen platt drücken und Appetit auf leckeren Kuchen haben. Dann ging die Zeit aber doch schnell rum, das zweite Date mit mehr als „Anfassen“ war da  und ich konnte endlich auch in zwei unterschiedliche Modelle einsteigen und losfahren. Alles war wieder gut!

Erste Impressionen vom CLS 350 BlueEFFICIENCY in der „Edition 1“, in der matten Farbe manganitgrau SHAPE (limitiert) gibt es im Video von außen und innen. Unter die Haube kann man nicht nur kommen, sondern sollte man auf jeden Fall auch gucken, das habe ich mir nicht nehmen lassen.

Damit der CLS-Motor richtig rund läuft, braucht es Experten. Ich habe spontan Roland Kemmler, Leiter für die Otto-Motoren der C- und E-Klasse, kurz vor die Kamera bekommen und ihm zum Schluss noch knifflige Fragen zur möglichen dritten Motorengeneration für den CLS gestellt.

Wer noch weitere Fragen an Roland hat, der möge diese bitte in das Kommentarfeld kippen, ich leite es weiter!

Der Wettergott der Toskana spielte mit und meinte es gut mit uns (Presse und Blogger). Nach einer kurzen Transferfahrt, bei der wir uns zum Glück schon selber im CLS chauffieren konnten, haben wir Gelegenheit bekommen, uns mit der Technik (theoretisch) weiter auseinander zu setzen, Experten standen bereit und beantworteten unsere Fragen nach der kurzen Pressekonferenz (Andreas Friedrich, Leiter Entwicklung CLS sprach).

Ich habe mir u. a. die elektromechanische Direktlenkung des CLS von Michael Rapp erklären lassen. Das besondere ist, dass hier – Premiere! – ein eigener Elektromotor eingesetzt wird, der sich sogar positiv mindernd auf den Treibstoffverbrauch auswirken soll, im Vergleich zu herkömmlichen Modellen.

Alle CLS haben die verbrauchsoptimierte 7 G-TRONIC PLUS Automatik, ECO Start-Stopp (soll bis zu 8% sparen) und der Starter wurde verstärkt. Dazu kommt ein Leichtbaukonzept zum Tragen, die Türen, Front- und Kofferraumhaube, Hutablage sowie die vorderen Kotflügel, Teile des Fahrwerks und Motors sind aus Voll-Aluminium. Rollwiderstandsoptimierte Reifen und die Wahl der Fahrwerkseinstellung „Comfort“ oder „Sport“, das sind die ersten Dinge, die mir beim Lesen der Fahrzeugbeschreibung aufgefallen sind. Natürlich bin ich klopfenderweise um den CLS herumgegangen, um den Alu-Klang zu testen.

Fotos 1-8: mit freundlicher Genehmigung von Daimler

Ein Dutzend Assistenten

Im CLS bist Du nicht allein, auch wenn keiner neben oder hinter Dir sitzt. Die Assistenten sind zwar stumm (bis auf den einen oder anderen Signalton, den sie von sich geben), aber sie sind — auf Wunsch — zur Stelle und passen für Dich auf. Allerdings gibt es keine Autopilot-Funktion, mitdenken und Fahren muss man immer noch selber und das ist gut so!

Attention Assist

Der Ober-Aufpasser bei Mercedes. Er ermittelt den individuellen Fahrstil, Lenkverhalten und erkennt Bedienverhalten. Hmmm, was mache ich denn, wenn dauernd unterschiedliche Leute vor und nach mir fahren? Der Assistent ist so „schlau“, dass er jedes Mal neu misst, nämlich in den ersten Minuten JEDER Fahrt. Ist ja auch sinnvoll, denn selbst ich fahre mal gemütlich oder (wie fast immer) etwas rasanter, wenn es die Gegebenheiten zulassen, würde also bestimmt drei oder vier verschiedene Profile erzeugen, je nachdem.
Eindeutig sind die Parameter Uhrzeit und Fahrdauer, also die Fahrtbedingungen. Da kann man wohl von ausgehen, dass da sehr unterschiedlich und individuell berechnet wird. Ebenso die Erkennung des Straßenzustandes. In der Stadt allerdings ruht das System, denn der Attention Assist meldet sich erst ab 80km/h. Entgehen kann ihm nur, wer schneller als 180 km/h ist, dann ruht er wieder, sagt mir die Infobroschüre. 70 Parameter fühlt und misst der CLS mit seinem Attention Assist. Was für eine Datenmenge!
Übermüdung? Der Pausenassi guckt genau! Wer fahrig lenkt, nicht blinkt beim Abbiegen (? – meine Vermutung) und schluffig die Pedale bedient, bekommt den „Gong“ wie beim Boxen (akustisches Signal) und optisch ein aufleuchtendes „Pause“ angezeigt. Man mag wohl hoffen, dass man es nicht so häufig sieht.

PRE-SAFE

Du möchtest schnell fahren, es ist windig und das Schiebedach geöffnet haben? Könnte sein, dass das nicht geht, denn bei hoher Querdynamik schließt sich das Schiebedach, ebenso die Seitenscheiben.
Das passiert auch, wenn das Auto ins Schleudern kommt, zu stark gebremst wird oder eben einfach „gefühlt“ vom CLS in Gefahr gerät. Dazu kommt dann noch, dass der Beifahrer „zurechtgesetzt“ wird, sollte er gerade eine ungünstige Sitzposition haben, damit Gurt und Airbag wirken können. Auch die Stützpolster könnten aufgeblasen werden, wenn der optionale Bremsassistent PLUS (BAS PLUS) mittels Radars einen drohenden Auffahrunfall erkennen mag.

Aktiver Totwinkel-Assistent

Überholvorgänge werden angezeigt im Seitenspiegel (rotes Dreieck) + im Instrumentebereich Tacho. Wer nicht hinguckt, bekommt auch hier wieder ein zusätzliches optisches Signal, wenn der Überholvorgang in die Hose gehen könnte oder ordentlicher ausgedrückt: bei möglichem riskanten Spurwechsel und der daraus folgenden Kollisionsgefahr. Manchmal braucht man diese Anzeige ganz und gar nicht, sie kann auch nerven, wenn man im mehrspurigen Stau steht (habe ich mir erzählen lassen, habe keinen Stau gehabt).

Die Info bezieht der CLS aus Nahbereichs-Radarsensoren, die sich auf beiden Seiten des hinteren Stoßfängers befinden. In ganz harten Fällen erfolgt sogar ein Bremseingriff, der auf die Räder der gegenüber liegenden Seite einwirkt, um die Kurskorrektur auszuführen. Hierzu nutzt der Aktive Totwinkel-Assistent auch die Frontsensordaten des Abstandsregel-Tempomaten DISTRONIC PLUS. Der kurskorrektive Bremseingriff erfolgt zwischen 30 und 200 km/h. Die Wirkung ist auf eine Längs- und Querverzögerung von 2 m/s2 beschränkt, habe ich gelesen, ich muss sowas ja immer fühlen, die Werte sagen mir da nicht viel. Im ESP-Off-Modus ist der Aktive Totwinkel-Assistent abgeschaltet. Die optische Warnung im Außenspiegel ist bis zu einer Geschwindigkeit von 250 km/h aktiv — okay, ab dann ist es schon ziemlich unwahrscheinlich, dass man dann noch auf ein Symbol achtet #smile.

Aktiver Spurhalte-Assistent

Auch bekannt als Lane Keeping Assist. Durchgezogene Linien überfahren? Vorbei! Herumschlenkern zwischen zwei Spuren? Nix da! Da vibriert das Lenkrad (unten, auf 6 Uhr), das seinen eigenen Elektromotor (ähnliche Bauweise wie beim Handy) dafür hat, um Dich wachzurütteln. Es wird auch leicht gegengebremst, wie schon beim Totwinkel-Assi beschrieben. Wichtig zu wissen: es wird nie bis zum Schlusspunkt gebremst, das muss der Fahrer immer selber machen! So eng vernetzt sind Spurhalte-Assistent und ESP hier das erste Mal, laut Aussage von Mercedes.

Jetzt guckt die Kamera an der Innenseite der Frontscheibe mit, wohin du fährst! Zusammen mit dem Radar wird dann entschieden (Spuralgorithmen ist das Fachwort), wo die Reise weiter hin geht. Der kurskorrektive Bremseingriff arbeitet zwischen 60 und 200 km/h. Er unterbleibt, wenn:

  • das ESP® deaktiviert ist,
  • der Kurvenradius kleiner als 150 Meter ist,
  • das Fahrzeug im Reifennotlauf unterwegs ist,
  • beim Bremsen oder Beschleunigen über 2 m/s²,
  • in Kurven bei Querbeschleunigungen über 2 m/s² (nennt sich dann „sportliche Fahrweise“, hehe).

Die haptische Warnung per Lenkradvibration erfolgt nicht, wenn der Fahrer:

  • vor einem Überholvorgang oder beim Auffahren auf die Autobahn beschleunigt,
  • stark bremst,
  • in eine Kurve lenkt,
  • eine Kurve absichtlich schneidet,
  • den Blinker betätigt,
  • nach einem Überholvorgang wieder auf die ursprüngliche Fahrspur einschert,
  • aktiv gegenlenkt.

Außerdem wird der Spurhalte-Assistent sofort deaktiviert, wenn ABS, ESP, der Bremsassistent oder ein anderes aktives Sicherheitssystem eingreift.

Nach dem ich den CLS gestartet habe, waren immer alle Assistenten aktiviert. Ich muss sagen, dass ich mich gut unterstützt gefühlt habe, auch wenn ich nicht alle Assistenten an den Rande des Wahnsinns oder der Deaktivierung gebracht habe. Wenn man das erste Mal (bei mir nicht der Fall) mit so viel technischer Unterstützung fährt, ist es erstmal ungewohnt, dass soviel Eingriff in die Fahrweise möglich ist. Ich kann jedoch versichern, dass man sich an die Helferlein schnell gewöhnt und diese nicht mehr missen möchte. Und wenn man einen der vielen Assistenten nicht mag, dann ist es „einfacher als im wirklichen Leben“, man kann ihn auch einfach ausschalten!

Welche Fragen noch offen sind: was passiert, wenn sich die Assistenten in die „Quere“ kommen? Ist eine Priorisierung einprogrammiert? Wie sind die Eskalationsstufen? Was passiert bei Fehlmessungen / Computerfehlern? Ich hoffe, ich bekomme die Antworten noch, denn diese Fragen drängten sich mir sofort auf, da man ja technisch so „eingepackt“ ist.

Update: die Fragen sind beantwortet: MercedesCLS – wie sicher sind die Fahrassistenten wirklich?

Fotos 9-16: Danke für die (gegenseitigen) Aufnahmen an das Mercedes-Benz Passion Blog, Philipp Deppe

 

Innenraum

Was, wenn dann doch mal langbeinige Mitfahrer hinten mitfahren wollen? Ich habe mich für euch hinter den Fahrersitz gesetzt, um es zu testen. Der Abstand zwischen Sitz und Knien ist sehr akzeptabel und wenn man genau hinschaut, sind sogar richtige „Kniebeulen“ in die Rückseite eingearbeitet.

Die Sitzklimatisierung ist ganz nach meinem Geschmack. Habe ich diese doch schon beim FCX Clarity auf der E-Auto Silvretta kennen gelernt, geschwärmt und mich gefragt, warum das nicht mehr Autos haben. Es gibt eine „ganz normale“ Sitzheizung und einzeln dazu schaltbar eine Sitzbelüftung in drei Stufen. Kann man nicht beschreiben, muss man ausprobiert haben. Von mir ein dickes „Like“!

Doch die Taster und Schalter auf dem Foto oben rechts verheißen noch mehr. Ich habe den Seitenhalt-Assistenten ausprobiert und bei den Serpentinenfahrten zu schätzen gewusst. So kann man einerseits bequem sitzen, wenn man komfortabel und gemütlich fahren mag und muss sich nicht in einen „Rennsitz“ zwängen, andererseits bekommt man das volle Programm Seitenhalt, wenn man den entsprechenden Schalter aktiviert. Doch ich wurde nicht ständig im Taillen- und Hüftbereich „fest gehalten“, sondern auch hier wird wieder „gemessen“, wann der Seitenhalt Sinn macht und dann greift er zu. Das erste Mal ein Aufjuchzen vor Verwunderung, habe ich mich schnell daran gewöhnt und dieses Luxusfeature nur selten deaktiviert. Desweiteren gibt es noch die Massagefunktion in den Sitzen, die ich völlig vergessen habe auszutesten, weil mich die technischen Gimmicks erst mal mehr beschäftigt haben. Und wer lässt sich beim „Herumheizen“ schon massieren? 😉

Linkes Foto: der Nachtsicht-Assistent (rechter Taster), den ich nicht ausprobieren konnte, da es während der Fahrt schlichtweg zu hell war. Rechtes Foto: der „Knubbel“ hat mich ja begeistert: das Lenkrad kann man damit nicht nur in der Höhe einstellen, sondern auch näher heranholen oder bis zum Anschlag weit weg positionieren lassen — sanft elektronisch geführt, das Ganze.

Was bei den Assistenten noch fehlt:

Als ich durch die sonnige Toskana gefahren bin, habe ich einen Assistenten ganz arg doll vermisst. Welchen? Den automatisch abklappenden Sonnenblenden-Assistenten! Nein, im Ernst, das bekommt man noch selber hin, aber toll wäre es dennoch! Mercedes, denkt mal darüber nach! 😉

Fahrfazit

Spaß, Spaß, Spaß … Freude am Fahren, darf ich ja nicht schreiben, aber es drückt aus, wie wohl man sich in diesem Luxusschlitten fühlt. Das einzige, was ein wenig gestört hat, war die A-Säule bei den Kurvenfahrten nach links in den Serpentinen. Das hörte ich übrigens auch ein zweites und drittes Mal von unterschiedlich großen Leuten. Mein Tipp: nicht Probefahren, wenn man ihn sich nicht kaufen möchte, denn es tat mir fast weh, den Schlüssel wieder abzugeben. Runs good, looks good, … und wesentlich schöner als der „alte“ CLS muss ich sagen, denn die Linienführung gefällt mir sehr viel besser jetzt. Alles drin, alles dran, und der CLS 500 ist schon ganz schön „gefährlich“ schnell, wenn er meinem Pedalwunsch nachgab. Dort empfehle ich auf jeden Fall ein Fahrertraining für ungeübte Fahrer, denn die Power muss man erst mal auf der Straße halten! Der CLS 350 ist für den ambitionierten Fahrer schon ausreichend motorisiert, hat mir auch schon „gereicht“, was er zu bieten hatte.

Kurzes Fazit von Philipp Deppe

ein spontanes kurzes Interview, bevor wir am zweiten Tag mit dem CLS 500 auf die Strecke gefahren sind.

Philipp hat seinen Fahrbericht auf dem Mercedes-Benz Passion Blog veröffentlicht, mit vielen weiteren Daten. Leseempfehlung!

 

Disclosure: Daimler hat mir die Reisekosten zur Veranstaltung erstattet.

18 Gedanken zu “Mercedes CLS 350 und CLS 500 im Test + Interview

  1. Nettes Fahrzeug. Kommt allerdings nicht ganz an den SLS ran, in dem ich vor zwei Wochen mal mitfahren durfte. Wahnsinn, das Auto.

    1. Ist ja immer die Frage, für welchen Zweck. Klar, ist der SLS „geil“, ich hoffe, ich werde ihn auch mal selber fahren können. Dem CLS hingegen kann man sogar eine gewisse Alltagstauglichkeit bescheinigen. Und man wird auch nur halb so oft angeguckt, fällt aber immer noch sportlich auf … 😉

  2. @Nicole: Klar ist der SLS nicht ein Fahrzeug, mit dem man in den Baumarkt fährt. Zu deiner Beruhigung sei gesagt, dass der Fahrer aber noch einen CL63 AMG und einen Range Rover im Fuhrpark hat. Insofern passt das schon.

    1. Ich hoffe, Dir hat der Beitrag nicht nur Facebook-technisch, sondern auch inhaltlich gefallen … 😉 forstelchen, ein WordPress Plugin namens „WordPress Connect“, es gibt aber auch 1001 andere Möglichkeiten, je nachdem, welche Voraussetzungen.

  3. Klasse Artikel Nicole, wenn nun noch das Geld da wäre würde ich das Auto glatt kaufen 🙂

    Wirklich sehr ausführlich! Wann startet denn dein Autoblog?

    1. Danke für das Lob, André. Autoblog? Das hier ist doch schon eins, okay, verknüpft auch mit Social Media Gedöns, WordPress (neu: WP Blogger), BarCamps, WebMontag und anderem Kram. Aber für 2 Blogs habe ich nicht die Kapazitäten (zeitlich und damit monetär gesehen), daher bleibt es so. Man kann wunderbar auf „Cars“ klicken und hat ein reines Autoblog. Wollte schon immer den Header für genau diese Kategorie ändern, sollte ich mal tun …

  4. Das stimmt, das wäre wirklich cool, aber du hast recht, am Content erkennt man bei dir schon recht gut, wo die Reise hingeht!

    Wirklich klasse, hoffe du bekommst noch viele weitere spannende Autoprojekte!

    *daumen hoch*

  5. Als Frau sage ich: du bist so toll! ich mag deine Art, deine Klamotten und alles was du hier mit diese Seite machst….Respekt!

    1. Danke, sandra. Du bist mir sicherlich nicht böse, wenn ich Deinen Link erstmal entfernt habe? Ich bin mir nicht sicher, ob Du den Kommentar nicht nur deshalb geschrieben hast. Im Impressum der Seite steht ein anderer Vorname, daher … melde Dich gern nochmal, wenn ich völlig falsch liege.

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